Geschäfts­bericht 2019

Vorstandsinterview

 

Revirement an der Spitze der rhenag: Dr. Catharina Friedrich wurde zum 1.1.2020 in den rhenag-Vorstand berufen und bildet seither zusammen mit Dr. Hans-Jürgen Weck das neue Führungsduo der rhenag. Die Einordnung des abgelaufenen Geschäftsjahres 2019 und die strategische Ausrichtung der rhenag in Zeiten von Fridays-for-Future und den jüngsten klimapolitischen Beschlüssen waren Kernthemen des Interviews im Grünen, zu dem sich die Vorstände mit Anna Bücker aus der Unternehmenskommunikation verabredet haben.

 

 

Bücker: Wir stehen am Anfang eines neuen Jahrzehnts, in dem bei der Stromerzeugung der Anteil der Erneuerbaren auf 65 % steigen, im Verkehrsbereich bis zu 10 Millionen E-Autos fahren und im Gebäudesektor der CO-2-Ausstoß um rund 30 % sinken soll. Bevor wir aus der rhenag-Perspektive fragen, was diese Zeitenwende für unser Geschäft bedeutet, noch einmal der Blick zurück: Wie ist 2019 für uns gelaufen?

Dr. Weck: Einmal mehr sehr gut. Und das Erfreuliche ist: Dazu haben alle drei Geschäftsfelder beigetragen – das Energiegeschäft ebenso wie unsere Stadtwerke-Dienstleistungen und unsere Beteiligungssparte. Das zeigt, dass wir mit diesen drei Standbeinen auch unter den wachsenden Anforderungen unserer Branche robust aufgestellt sind. Unser Geschäftsmodell, das etwas anders als das klassischer Regionalversorger zugeschnitten ist, bewährt sich.

 

„Wir zählen als rhenag sowohl in der Branche als auch in der Region zu den wirtschaftlich starken Playern.“

Bücker: Was heißt das in Zahlen?   

Dr. Weck: Mit einem Ergebnis vor Steuern in Höhe von 46,3 Mio. € und einem Jahresüberschuss nach Steuern in Höhe von 34,2 Mio. € liegen wir deutlich über den Vorjahreswerten und wir konnten auch unsere interne Planung übertreffen. Ohne das Ergebnis jetzt im Detail aufzuschlüsseln, stehen diese Zahlen sicherlich für eine Botschaft: Unter den Versorgern mit vergleichbarer Größe zählen wir als rhenag sowohl in der Branche als auch in der Region zu den wirtschaftlich starken Playern.

Bücker: Operativ hatten wir das letzte Geschäftsjahr also im Griff. 2019 war zugleich aber auch das Jahr der Fridays-for-Future-Bewegung, der „How-dare-you“-Anklage von Greta Thunberg und des Klimapakets. Überspitzt gefragt: Ist rhenag mit Blick auf diese klimapolitische Zeitenwende Teil des Problems oder Teil der Lösung?

Dr. Friedrich: Die Bundeskanzlerin hat mit Blick auf den klimapolitischen Handlungsdruck von einer „Menschheitsaufgabe“ gesprochen. Ich denke, angesichts der Größe des Themas ist es wichtig, die eigene Rolle klar zu definieren. Sonst wird die eigene strategische Marschroute unklar und man versenkt Ressourcen auf den falschen Handlungsfeldern. Bücker: Wo sehen Sie die rhenag-Rolle in diesem Zusammenhang?

 

 

„Klimaschutz ist für uns als zentrales unternehmerisches Ziel gesetzt.“

Dr. Friedrich: Zunächst einmal: Wir fühlen uns dem Klimaschutz verpflichtet. Zum einen würden wir als Unternehmen unsere gesellschaftliche Akzeptanz und damit unsere Geschäftsbasis verlieren, wenn wir unseren Beitrag verweigern würden. Das ist die wirtschaftliche Perspektive. Zum anderen verstärkt sich auch mit Blick auf die objektiven Klimadaten der Eindruck, dass wir uns den Kipppunkten des Klimawandels schneller nähern, als noch vor wenigen Jahren gedacht. Das ist dann die Sachperspektive. Klimaschutz ist damit für uns als zentrales unternehmerisches Ziel gesetzt. Und jetzt zu unserer Rolle: Wir setzen den Hebel dort an, wo wir stark sind: In unserer Region und nah am Menschen. Nah am Menschen ist hier keine Platitude, sondern steht für Alltagstauglichkeit. An diesem Kriterium wird sich entscheiden, ob die Energiewende in der Breite verankert werden und erst so tatsächlich Wirkung entfalten kann.

Bücker: Stichpunkt „Wirkung“: Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang die Einführung eines CO2-Preises für die Sektoren „Gebäude“ und „Verkehr“?

Dr. Weck: Als künftig marktwirtschaftliches Instrument – bis 2026 ist der Preis der Emissionszertifikate ja noch festgeschrieben, erst danach bildet er sich in einer vorgegebenen Spanne von 55 € bis maximal 65 € pro Tonne CO2 im Emissionshandel – begrüßen wir das. Und das sage ich explizit auch als Gasversorger.

Bücker: Aber die 25 € pro Tonne CO2 verteuern ab 2021 doch auch unser Erdgas?

Dr. Weck: Das ist richtig. Als rhenag werden wir aber trotzdem vom intendierten Lenkungseffekt der CO2-Zertifikate profitieren, klimafreundliche Produkte und Verhaltensweisen künftig attraktiver und klimaschädliche entsprechend weniger attraktiv zu machen. Vor allem im Vergleich zum Heizöl, wo der Preisaufschlag deutlich höher sein wird, gewinnen unsere erdgasbasierten Produkte künftig noch einmal deutlich an Attraktivität. Auch die ordnungsrechtlichen Bestandteile des Klimapakets tragen dazu bei: Ab 2026 wird es in der Regel nicht mehr möglich sein, Ölheizungen in Neubauten einzubauen.

Bücker: Sind denn andere Techniken, die Wärme auf Basis von regenerativem Strom liefern, nicht innovativer und damit noch einmal attraktiver?

 

 

„Wir müssen aufpassen, die Lebenswirklichkeit der Menschen nicht aus den Augen zu verlieren.“

Dr. Weck: Wer neu baut und das entsprechende Budget hat, kann heute auch größere Techniksprünge machen. Innovative Hausenergielösungen zu entwickeln ist natürlich faszinierend. Auch wir haben hier zuletzt mit unserer neuen energy+-Unit einige Leuchttürme umgesetzt. Im Bestand und in der Breite zählt jedoch die von Catharina Friedrich angesprochene Alltagstauglichkeit. Und hier sind für Ölheizungsbesitzer in erdgaserschlossenen Regionen die CO2-Vermeidungskosten nirgends niedriger als beim Umstieg auf Erdgas, heute oftmals ergänzt durch Solarthermie. Ich glaube wir müssen als stark innovationsgetriebene Brancheninsider aufpassen, die Lebenswirklichkeit der Menschen nicht aus den Augen zu verlieren.

Dr. Friedrich: Für das Gros der Haushalte ist der Umstieg auf eine neue Heizungsanlage der eine große Modernisierungsschritt. Wir dürfen die Menschen hier technisch und wirtschaftlich nicht überfordern, sonst verliert die Energiewende an Akzeptanz. Je niedriger die Technik-Schwelle ist, desto eher sind die Verbraucher zum Umstieg bereit. Wir merken das schon ganz konkret: Seit 2019 zieht die Nachfrage nach Erdgashausanschlüssen deutlich an. Sie ist mittlerweile so groß, dass die  Wartezeiten bei der Fertigstellung eines Hausanschlusses immer länger werden. Der Engpass liegt bei unseren Partnerfirmen im Tiefbau.

Bücker: Auch wenn der CO2-Preis in der Wahrnehmung sehr dominant ist – im Klimapaket steht ja noch mehr drin: Was bedeuten die anderen Schwerpunkte für unser Geschäft?

Dr. Weck: Im Bereich der Photovoltaik (PV), wo der 52-Gigawatt-Förderdeckel aufgehoben werden soll, und bei der längeren und intensiveren Förderung der Elektromobilität rennt das Klimapaket offene Türen bei uns ein. Hier bekommen die Themen Rückenwind, die wir zuletzt bereits von uns aus stark vorangetrieben haben. Nur ein Beispiel: Bei der PV haben wir für noch unentschlossene Kunden mit unserem Pachtmodell die Hürden zur eigenen Anlage auf dem Dach nochmals gesenkt. Hier tut sich einiges, das Modell wird zunehmend nachgefragt.

Dr. Friedrich: Es ist wirklich spannend, welche Wechselwirkungen man hier am Markt beobachten kann: PV-Kunden sind offener für Elektromobilität, die plötzlich ganz neue Perspektiven für die Steigerung des attraktiven Eigenverbrauchs bietet. Andersherum sind Elektrofahrer sehr viel leichter für eine PV-Anlage zu begeistern – oft bereits in Kombination mit einem Batteriespeicher. Sie finden es einfach faszinierend, auf ihrem Dach die eigene Tankstelle für 100 % klimaneutralen Fahrstrom zu haben.

Bücker: Energiedienstleistungen und Elektromobilität dazu Software- und Kooperationslösungen für Stadtwerke: Wieviel von einem klassischen Energieversorger steckt eigentlich noch in rhenag? Haben wir uns schon komplett neu erfunden? Wo stehen wir in unserem Transformationsprozess?

 

 

 

„Wir erleben zum Glück keinen Nokia-Moment.“

Dr. Weck: Ich glaube, dass wir uns mit unseren Stadtwerkedienstleistungen, unserer Softwaresparte und unserem Beteiligungsbereich in der Tat schon sehr früh vom klassischen Versorger zu einem breiter agierenden Energiedienstleister gewandelt haben. Davon profitieren wir heute, da Dienstleistungsthemen gegenüber dem klassischen Commodity-Geschäft an Gewicht gewinnen und es auch in der Branche angesichts steigender Anforderungen klar in Richtung Kooperationen geht. Mit der Transformation sind wir aber noch lange nicht durch – sofern man dies überhaupt jemals sein kann. Auch wenn das Klimapaket unsere strategische Ausrichtung bestätigt, ein Selbstläufer ist der Aufbau von neuem Geschäft nicht. Die neue Energiewelt ist in der Regel kleinteiliger, beratungsintensiver und hinsichtlich des Markterfolgs unsicherer. Das ist ein echtes Entdeckungsverfahren, welche Idee sich durchsetzt und welche nicht.

Dr. Friedrich: Und in diesem Zusammenhang möchte ich auch noch einmal eine Lanze brechen für das klassische Geschäft. Wir können uns glücklich schätzen, über einen wirtschaftlich gesunden Commodity-Vertrieb und ein stabiles Netzgeschäft als verlässliche Ergebnisstütze zu verfügen. Wir haben damit die Basis, von der aus wir neues Geschäft entwickeln können. Wir erleben trotz wachsendem Innovationsdruck zum Glück keinen Nokia-Moment, wo von heute auf morgen der Markt und die wirtschaftliche Basis wegbricht.

Bücker: Dann lautet die strategische Marschroute also: kontrollierte Offensive?

Dr. Weck: Ihre eingangs formulierte These, dass in diesem neuen Jahrzehnt der Umbau der Energieversorgung gelingen muss, ist ja absolut richtig. Die Kunst wird es sein, diese Transformation gefühlvoll zu steuern – das klassische Geschäft erfolgreich weiter zu betreiben und gleichzeitig die entscheidenden Weggabelungen zu erkennen und dann richtig abzubiegen. Neues tun, ohne das Alte zu lassen – das auszubalancieren wird die zentrale unternehmerische Herausforderung der nächsten Jahre sein.